Die Seehundfrau und der Tanz der Sprachen

Die Gebärdensprache der Gehörlosen irritiert und fasziniert viele hörende Menschen. Wer genauer hinschaut und sich dafür interessiert, was es mit diesen “Bewegungen” auf sich hat, macht verblüffende Entdeckungen und muss sich einer Welt öffnen, die eigene Vorstellungen von Kommunikation und Sprache auf den Kopf stellt. So entdeckt der “Fremdling” in der Kommunikation Gehörloser die eine oder andere “Geste”, die an Pantomime erinnert und eine Idee erzeugt, worum es gerade gehen könnte. Doch gleich muss der Betrachter zugeben, dass er gar nichts versteht: Eine “Gebärde” ist keine “Geste”.

Bleibt die Anziehungskraft der Gebärdensprache und beginnt sich der Beobachter für dieses “Unbekannte” zu interessieren, gibt es viel Neues zu begreifen. So erfährt man z. B., dass sich die Gebärdensprache aus verschiedenen Handformen zusammensetzt, die sowohl an bestimmten Körperstellen ausgeführt werden, als auch mit festgelegten Bewegungen in den Raum hinein. Untrennbar von der ausgeführten Bewegung ist die Mimik, die entscheidend zur Bedeutung der Gebärde dazugehört, sowie das sogenannte Mundbild. So entsteht eine Linguistik, die sich im dreidimensionalen Raum definiert und somit allen Erfordernissen einer vollständigen Sprache entspricht.

So wie der Schauspieler, die Schauspielerin die Stimme vielfältig einsetzen kann, so setzt sich auch die Gebärdensprache auf der Bühne in Bewegung, verlässt z. B. den Gebärdenraum der Alltagsgebärdensprache, kann zur Gebärdenpoesie werden, sich dem Tanz nähern.

So kann ein Träger von stummen Masken eine Sprache bekommen, die ihn von der Begrenzung befreit, alles über Körpersprache und Handlung ausdrücken zu müssen, anstatt mit Worten. Allerdings taucht eine neue Frage auf: Ist die ­– scheinbar – nicht veränderbare Mimik der Maske hinderlich für das Verständnis der Gebärdensprache? So betritt Theater R.A.B. mit dieser Inszenierung Neuland. Mit Masken, ohne Masken, mit und ohne Gebärden und mit unterstützenden Projektionen.

Die Seehundfrau kommt aus dem Meer, sie hört zwar, aber kann nur gebärden. In der Kommunikation mit dem Fischer müssen beide alles aufbringen, um sich zu verständigen und haben sogar ihren Spaß daran. Im Laufe des Zusammenlebens lernen sie voneinander und die Tochter der Beiden wächst sozusagen zweisprachig auf. So ziehen sich unterschiedliche Kommunikationsformen durch das Theaterstück: DGS (deutsche Gebärdensprache), LBG (lautbegleitende Gebärdensprache, die dem Satzbau der deutschen Lautsprache folgt), Gebärdenpoesie (verlässt den Gebärdenraum der Alltagsgebärdensprache), englische und deutsche Lautsprache.